Aussiedlungen im Lichte der sich im Besitz der Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" befindenden Informationen, Dokumente und Berichte
Die Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" hat in den 16 Jahren ihrer Tätigkeit eine der größten polnischen Sammlungen von Archivalien angehäuft, die die Sklaven- und Zwangsarbeit für das Dritte Reich sowie Aussiedlungen polnischer Bürger während des Zweiten Weltkrieges betreffen.
Diese Dokumente sind im Zuge der Leistungsauszahlungen in der Stiftung eingegangen. Bei den Auszahlungen handelte es sich um Leistungen aus Mitteln, die Polen in den Jahren 1992-1993 von der deutschen Regierung, der deutschen Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" und dem Österreichischen Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit erhalten hat. Ferner beteiligten sich einige deutsche Städte und Gemeinden an Auszahlungen und vielen Hilfsprogrammen, die von der Stiftung durchgeführt wurden.
Die Dokumentation umfasst u.A. über eine Million Anträge, die von denjenigen NS-Opfern gestellt wurden, die sich in den Jahren 1992-2006 um eine finanzielle Leistung aufgrund von Repressionen im Zweiten Weltkrieg bemüht haben. Die Anträge beinhalten für gewöhnlich eine detaillierte Beschreibung des Arbeitsortes und der Arbeitsbedingungen, die zusätzlich durch Zeugenaussagen und Originaldokumente oder deren Kopien glaubhaft gemacht worden ist. Zu diesen Dokumenten zählen Unterlagen wie Arbeitskarten, Arbeitsbücher, Ausweise, Werksausweise, Quittungskarten, Fotographien und Briefe. Es handelt sich dabei um Dokumente aus der Zeit des Krieges, ausgestellt während oder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, sowie Bescheinigungen, die auf der Grundlage von Dokumenten verschiedener Institutionen, nach dem Krieg ausgestellt wurden. Die Unterlagen werden von Fotographien und anderen Andenken ergänzt (z.B. Briefkorrespondenz mit Stempeln der Reichspost aus der Zeit und vom Ort der Verfolgung).
Erwähnenswert sind auch die einzigartigen Materialien, die von den Opfern selbst, sowohl während der Sklaven- und Zwangsarbeit als auch während der Antragsstellung erstellt wurden. In den Beständen der Stiftung befinden sich einige Tausend Berichte und Erinnerungen von Personen, die Sklaven- und Zwangsarbeit für das Dritte Reich in den Jahren 1939-1945 verrichten mussten. Sie bilden eine sehr gute Quelle für Forschungsvorhaben über die Formen des Terrors, über die Lebensumstände in den Lagern und an Orten der Zwangsarbeit, über die Gesinnung der Verfolger und der Verfolgten - in positiver und negativer Hinsicht, über die Handlungsweisen in alltäglichen und extremen Situationen. Sie erlauben es, den territorialen Umfang der Aussiedlungen und die Richtung der Deportationen zu rekonstruieren, und stellen sehr wertvolles Material für historische, statistische und soziologische Untersuchungen dar.
Unser bisheriges Wissen und unsere Erfahrungen, die wir während der Sichtung des Materials gewonnen haben, haben uns angeregt, bei der Publikation des Albums "Wysiedlenia, wypedzenia i ucieczki 1939-1959. Atlas ziem Polski" ["Aussiedlungen, Vertreibungen, Fluchten 1939–1959. Atlas der polnischen Gebiete"], an dieser Stelle eine Information über die größten Umsiedlungslager, die auf dem Gebiet der II. Republik Polen während des Zweiten Weltkrieges funktionierten, zu veröffentlichen. Auf der Grundlage der Informationen aus der Computerdatenbank der Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" können die Hauptströmungen der Umsiedlungen, Aussiedlungen und Deportationen, denen polnische Bürger während des Zweiten Weltkrieges unterworfen waren, nachgezeichnet werden. Aus diesen Informationen resultiert, dass ein Großteil der Personen, die zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich oder in das Generalgouvernement deportiert wurden, einen Aufenthalt in einem Lager erleiden musste. Dabei handelte es sich um Geisellager, Durchgangslager oder Umsiedlungslager. Der Aufenthalt an diesen Orten, der zwischen einigen und einigen zehn Tagen dauerte, war die erste Etappe ihrer Odyssee.
(Großpolen und Pommern)
Im Verlauf der sog. "wilden Aussiedlungen" - die injiziert von lokalen deutschen Behörden, im September und Oktober 1939 statt fanden - wurden die Vertriebenen an verschiedenartigen Sammelpunkten logiert. Darunter fanden sich Kirchen, Schulen, Fabrikhallen, Gefängnisse, in denen die Ausgesiedelten wo solange warten mussten, bis eine entsprechende Anzahl an Personen zusammenkam, bevor sie in das Generalgouvernement oder in ein anderes Lager transportiert wurden. Diese Aktion umfasste in erster Linie die Gebiete an der Ostseeküste und in Großpolen, später ganz Pommern.
Solche Lager entstanden unter anderem in Bydgoszcz, Gdansk, Gdynia, Mlyniewo, Lódz, Nowe Skalmierzyce, Poznan, Piastoszyn pow. Tuchola, Tczew.
Im Zuge dieser Aktionen siedelten deutsche Behörden bis Ende November 1939 35.000 Personen aus (diese Zahl umfasst ebenfalls Personen, die aus den ins Dritte Reich eingegliederten Gebieten in das Generalgouvernement geflüchtet sind).
Später nahmen die Aussiedlungen eine organisierte Form an. Am 11. November 1939 wurde in Poznan der Sonderstab für Umsiedlung der Polen und Juden gegründet, der kurze Zeit später in das Amt für Umsiedlung der Polen und Juden, im Frühling 1940 nochmals in die Umwanderungsstelle und nach einigen Wochen in die Umwandererzentralstelle (UWZ) umbenannt wurde. Ihren Sitz hatte sie in Poznan, und breits nach einigen Wochen wurde eine Nebenstelle in Lódz eröffnet. Am 15. November 1940 entstand eine ähnliche Zentrale in Gdansk. Danach wurden - je nach Bedarf des deutschen Staates - weitere Zweigstellen an anderen Orten eröffnet (z.B. in Zamosc). Eine Umwanderungsstelle entstand ebenfalls 1940 in Gdansk, und war für das Gebiet Danzig-Westpreußen zuständig. 1943 wurde sie nach Potulice verlegt und später geschlossen.
Das erste Lager, das unter der Leitung der o.g. Institutionen stand, ist im Winter 1939/1940 in Lódz entstanden. Es war das Zentralumsiedlungslager - Durchgangslager I der Umwandererzentralstelle Posen, Dienststelle Litzmannstadt. Das Lager wurde in den Gebäuden einer alten Textilfabrik untergebracht, in der Lakowa-Straße 4. Es war das größte Lager dieser Art in ganz Lódz. Anfangs wurden dort die Ausgesiedelten registriert und anschließend ins Generalgouvernement weitergeleitet. Später wurden die Ausgesiedelten zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich deportiert und 1943 auch in das besetzte Frankreich.
Das zweite Lager der Umwandererzentralstelle befand sich in der Zeligowski-Straße 41/43.
In Lódz gab es noch einige andere Lager, darunter:
- Durchgangslager an der Kopernik-Straße 53/55,
- Durchgangslager an der Hutor-Straße 32,
- Durchgangslager in Konstantynów,
- Polen Jugendverwahrlager der Sicherheitspolizei an der Przemyslowa-Straße.
Das letztgenannte Lager bestand seit Dezember 1941 bis zur Befreiung Lódz´s. Anfänglich war es ein Durchgangslager. Im Frühling 1943, kraft der Anordnung von Heinrich Himmler, begann man dort Kinder einzuquartieren, deren Eltern im Widerstand tätig waren. Eine Zweigstelle dieses Lagers entstand im Januar 1943 in Dzierzaznia. Aufgrund der besonders harten Bedingungen wurden diese Lager nach dem Krieg von der deutschen Seite in die Kategorie der Konzentrationslager eingestuft, und zu den Listen des Bundesentschädigungsgesetzes hinzugefügt, die vom Bundestag bestätigt wurden (BEG, Bundesgesetzblatt Teil I Z1997A vom 24.09.1977 und Bundesgesetzblatt Teil I Z5702A vom 3.12.1982).
Das Lager in Konstantynów bestand seit stycznia 1939 bis zur Befreiung. Bis August 1943 war es ein typisches Durchgangslager, in dem ganze Familien vor ihrer Aussiedlung ins Generalgouvernement oder Deportierung zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich untergebracht waren.
Im August 1943 wurde das Lager umorganisiert. Es diente als ein Lager für belarussische, russische und ukrainische Kinder, die aus den Gebieten der Sowjetunion deportiert, und von den deutschen Behörden als germanisierungsfähig eingestuft wurden. Ähnlich wie das Lager Lódz-Przemyslowa, wurde dieses Lager in der Zeit nach August 1943 durch die Bundesrepublik als ein Konzentrationslager anerkannt.
Die Lager in Potulice, Torun und Smukala wurden der Umwandererzentralstelle in Gdansk unterstellt.
Das Lager in Potulice wurde im Februar 1941 errichtet. Bis Mai 1941 diente es als ein Durchgangslager für Ausgesiedelte aus Pommern, die in das Generalgouvernement geleitet wurden. Vom September 1942 galt das Lager - mit den Außenlagern in Torun und Smukala - als das zentrale Durchgangslager und war der Umwandererzentralstelle in Gdansk untergeordnet. Das Lager in Potulice verfügte anfangs über die Arbeitskräfte sowohl für die Industriebetriebe wie auch für die Landwirtschaft in der Region Danzig-Westpreußen. Danach haben sich dort einige Außenstellen diverser Industriebetriebe sowie handwerkliche Werkstätten angesiedelt, und das Lager wurde zu einem Arbeitslager, in dem ganze Familien einquartiert waren. Das Lager bestand bis zu seiner Befreiung im Januar 1945.
Aussiedlungen aus dem Regierungsbezirk Ciechanów erfolgten über das Lager in Dzialdów (vom Februar bis Mai 1940). Ab Mai 1940 wurde das Lager in Dzialdów, auf der Grundlage der Anordnung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), in ein Arbeitserziehungslager (AEL) umfunktioniert. In der Zeit vom Februar bis Mai 1940 war es ein Durchgangslager für Polen, die aus den Landkreisen Plock und Ciechanów, sowie aus der Region um Bialystok ausgesiedelt wurden. In das Lager wurden ebenfalls Bewohner des Przasnyszer Landkreises geleitet, wo mit dem Bau eines Truppenübungsplatzes begonnen wurde, und wo zuvor ganze Dörfer ausgesiedelt worden sind. Im Sommer 1941 wurde die Zweigstelle für die Ausgesiedelten im Lager geschlossen.
Eine spezifische Gruppe unter den Durchgangslagern, die sich auf dem Gebiet der Provinz Oberschlesien befanden, stellten die Polenlager dar. In diesen Lagern herrschten sehr harte Haftbedingungen, und die Häftlinge - auch Kinder ab dem zwölften Lebensjahr - wurden zu schwerer Arbeit in Industriebetrieben und in der Landwirtschaft gezwungen.
Die Polenlager in Schlesien waren für polnische Familien vorgesehen, die von deutschen Behörden zu einem für die Interessen des Dritten Reiches gefährlichen Element erklärt wurden. Es waren Polen, deren antifaschistische Gesinnung bekannt war, Familien von Aktivisten, die für die Zugehörigkeit Schlesiens zu Polen gekämpft haben, und jene Personen, die es abgelehnt haben, die deutsche Volksliste zu unterschreiben. Die Lager befanden sich überwiegend in alten Fabrikhallen, in denen keine sanitären Anlagen vorhanden waren. Unter diesen harten Bedingungen wurden dort ganze Familien gefangen gehalten. Die Mehrheit der Polenlager befand sich an der südlichen Grenze Oberschlesiens. Vier Lager wurden auf dem heutigen Gebiet der Tschechischen Republik lokalisiert - Bogumil, Frysztat, Pietrowice und Beneszów.
Region Zamosc (1942-1943)
Ende 1942 begannen die deutschen Behörden mit einer umfangreichen Umsiedlungsaktion in der Region Zamosc. Am 12. September 1942 wurde eine Anordnung von Heinrich Himmler veröffentlicht, die die Schaffung eines geschlossenen deutschen Siedlungsraumes im Generalgouvernement in dieser Region vorsah. Zu diesem Zweck sollte die lokale Bevölkerung fort geschaffen werden. In Zamosc wurde eine Zweigstelle der Umwandererzentralstelle gegründet. Ferner entstand im November 1942 ein Durchgangslager in Zamosc und im Dezember 1942 ein Umsiedlungslager in Zwierzyniec. In diesen Lagern wurde die aus diesen Gebieten ausgesiedelte Bevölkerung untergebracht. Viele Erwachsene wurden in die Konzentrationslager nach Oswiecim (KL Auschwitz) und Lublin (KL Majdanek) gebracht oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert. Kinder sowie Personen, die nicht arbeitsfähig waren, wurden in andere Gebiete des Generalgouvernements umgesiedelt (in Ortschaften der ehemaligen Landkreise Siedlce, Gawrolin, Minsk und Luków). Im Sommer 1943 wurde die Aktion aufgrund einer entschlossenen Selbstverteidigung des polnischen Untergrundes, der Bevölkerungsflucht und der sich verschlechternden Situation der deutschen Armee an der Ostfront eingestellt.
Während des Warschauer Aufstandes und auch nach seiner Niederschlagung wurde aus Warschau und den anliegenden Ortschaften beinahe die gesamte Zivilbevölkerung ausgesiedelt und in extra dafür errichtete Lager gebracht. Die überwiegende Mehrheit der ausgesiedelten Bevölkerung wurde von den Deutschen in das Durchgangslager 121 (Dulag 121) in Pruszków geleitet. Ab Oktober wurden die Ausgesiedelten in einigen kleineren Lagern in Ursus, Piastów, Ozarów und Wlochy untergebracht.
Insgesamt wurden damals 550.000 Personen aus Warschau sowie 100.000 aus den anliegenden Ortschaften ausgesiedelt. Ein Teil der Ausgesiedelten kam in Konzentrationslager, ein Teil wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, ein anderer ist geflüchtet und der Rest wurde in die südlichen Gebiete des Generalgouvernements ausgesiedelt. Die Aussiedlung der gesamten Bevölkerung Warschaus und die Zerstörung der Stadt waren bis dahin präzedenzlose Ereignisse.
Die Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" zahlt Leistungen an Personen aus, die als Kinder bis zum 16. Lebensjahr in einem Umsiedlungs- oder Durchgangslager gewesen sind. Wir verfügen über Daten von mehr als 40.000 Personen, die in solchen Lagern untergebracht waren. Gemäß den Informationen aus unserer Datenbank, war ein Großteil dieser Menschen in Lagern, die sich in den ins Dritte Reich eingegliederten Gebieten befanden. Davon waren ca. 16.500 Personen in den Lagern in Lódz, ca. 9.000 in Potulice, Torun und Smukala, 3.000 in Poznan ("wilde Aussiedlungen"), und ca. 1.200 in Dzialdowo. Etwa 6.000 Personen erhielten eine finanzielle Unterstützung für den Aufenthalt in einem Lager in der Region Zamosc, davon 5.550 in der Stadt Zamosc. Leider verfügen wir nur über ein rudimentäres Wissen über die Anzahl der Kinder, die sich in Durchgangslagern für zivile Personen nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands im Herbst 1944 befanden, da es diesbezüglich an Dokumenten, die von den Lagerbehörden ausgestellt wurden, fehlt.
Die vorgestellten Daten betreffen, wie bereits erwähnt, Leistungsempfänger der Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung", die eine Unterstützung für den Aufenthalt in den oben erwähnten Lagern erhalten haben. In Anlehnung an Dokumente, die eine Gruppe von ca. 40.000 Personen betreffen, ist es möglich, die Schicksale ganzer Familien zu verfolgen, die Hauptrichtungen der Deportationen sowie die herrschenden Zustände in den jeweiligen Lagern zu erforschen.
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