Zwei Tage nach dem Erscheinen des Artikels "Asafs Reise um die Welt" in der WELT entschuldigte sich der Chefredakteur der Zeitung, Thomas Schmid, für die darin verwendete Bezeichnung des ehemaligen Konzentrationslagers Majdanek als "polnisches Konzentrationslager". Die Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" möchten diese Entschuldigung annehmen.
Aber aufgrund zahlreicher Meldungen der polnischen NS-Opfer fühlen wir uns verpflichtet, als deren Sprachrohr, an der Diskussion teilzunehmen.
Das Problem der Verwendung dieses Begriffes ist nämlich nicht neu. Es betrifft auch nicht nur Deutschland (auch wenn solche Fehler dort besonders brisant erscheinen), sondern ebenso Australien, die USA und viele andere westeuropäische Länder.
Wir beobachten dieses Phänomen sowohl bei Journalisten als auch bei Diplomaten und immer mehr dringt diese Bezeichnung in die Alltagssprache ein, was uns und den polnischen NS-Opfern die größte Sorge bereitet.
Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Fehler auf "beruflicher Schlamperei", nicht reflektierter Sprachverwendung basieren oder ob die Bezeichnung "geographisch gemeint" ist. Für den Autor mag es selbstverständlich sein, dass es deutsche Konzentrationslager waren, dass sie von deutschen Behörden geplant und verwaltet wurden, doch was werden diejenigen Leser denken und nach der Lektüre solcher Artikel behalten, die nicht über dieses Wissen verfügen?
Es ist eben diese Diskrepanz zwischen dem, was die Propagandisten wissen und dem, was sie sagen, die gefährlich ist. Denn das Wissen, das sie mit einer an Gedankenlosigkeit grenzender Selbstverständlichkeit voraussetzen, ist nicht selbstverständlich. Es ist schwere, mühevolle und langwierige Arbeit.
Sicherlich, es ist nur ein Wort. Doch es geht dabei eben nicht - wie Thomas Urban behauptet - um Wortspalterei. Das Problem liegt viel tiefer. Es geht um mediale und historische Korrektheit. Denn es waren natürlich nicht polnische, sondern deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager, und es waren polnische Staatsbürger (polnischer, jüdischer, ukrainischer und belarussischer Herkunft), die wohl die größte Gruppe unter den Opfern darstellten.
Deswegen sollten die entschiedenen Reaktionen in Polen über diese gedankliche Verkürzung historischen Wissens niemanden wundern. Denn wie oft kann man denn noch monieren?
Die Stiftung "Polnisch-Deutsche Aussöhnung" engagiert sich seit über 15 Jahren für die deutsch-polnische Aussöhnung. Wir organisieren Begegnungen von polnischen NS-Opfern mit (deutschen und polnischen) Schülern und Erwachsenen, helfen den noch lebenden Opfern, setzen auf Dialog. Trotz der wiederkehrenden, populistisch aufgeladenen Querelen zwischen unseren Ländern, halten wir an unserer Arbeit fest, bauen die Verständigung von unten auf. Doch es sind solche vermeintlich kleinen Dinge (ein Wort!), die uns und unseren deutschen Partnern als Steine in den Weg gelegt werden.
Womöglich waren es wieder die "Populisten", die am lautesten aufgeschrieen haben, und die wohl wissen, aus solchen Fehlern Kapital zu schlagen. Die Opfer selbst geben ihre Sorge und Verbitterung leise an uns weiter, die Sorge, dass wenn man eine Lüge nur oft genug wiederholt, sie zur Wahrheit wird.
Ich appelliere heute abermals um mehr Sensibilität.
Dariusz Pawlos
Warschau, den 30.11.2008
Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung
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